Hörbuch-Junkies
Hier gibt's was auf die Ohren

Was mit Büchern



Man verdiene wenig, man arbeite viel, die Zukunftsaussichten sind düster. Und doch bleibt es für viele der Traumberuf schlechthin: Buchhändler. Dabei sind die Vorstellungen, wie der Alltag in einer Buchhandlung aussieht, oft eher diffus. Zwei Blicke hinter die Kulissen. Beide in Berlin. Einmal in Charlottenburg-Wilmersdorf. Einmal in Pankow.


Ferlemann und Schatzer – mehr als nur Bestseller


Die Buchhandlung Ferlemann und Schatzer (Güntzelstraße 45, Charlottenburg-Wilmersdorf) bietet auf 70 Quadratmetern rund 12.000 Bücher. Kurz vor 9 Uhr beginnt hier der Arbeitstag – und zwar in der Regel mit Auspacken. In den Paketen finden sich neue Bücher, darunter Kundenbestellungen sowie noch nicht veröffentlichte Werke, die von den Verlagen vor der Erscheinung an ausgewählte Buchhändler gehen. „Wer seinen Beruf ernst nimmt, sollte wichtige neue Bücher schon vor dem Erscheinen gelesen haben“, sagt Hanne Schatzer. Sie ist Miteigentümerin der Buchhandlung. Sie arbeitet wie ihre beiden Eigentümer-Kollegen Vollzeit im Laden, es gibt darüber hinaus demnächst noch eine Auszubildende. Es sei einerseits ein Privileg, gute Bücher vor dem Erscheinen lesen zu dürfen. Für manchen sei es aber vielleicht auch eine Bürde. „Gelesen wird am Abend oder im Bett, im Geschäft ist dafür keine Zeit.“ Denn die Arbeit im Laden besteht - wenig überraschend - größtenteils aus der Beratung der Kunden. Direkt vor Ort oder aber über das Telefon oder E-Mail.

„Ein kleiner Laden lebt davon, dass er persönlich ist, dass wir uns Zeit nehmen für jeden einzelnen. Wir wollen den Geschmack unserer Kunden kennen“, sagt Schatzer. Das sei wichtig, um die richtige Empfehlung geben und das Sortiment immer weiter optimieren zu können. Zu ihren Aufgaben zählt entsprechend auch, mit Verlagsvertretern über besagte neue Bücher zu sprechen. Diese Gespräche häufen sich vor allem zu Beginn und zur Mitte eines Jahres. Das Ergebnis scheint den Eigentümern recht zu geben: Viele Kunden geben als Feedback, dass der Laden gut sortiert sei.

„Wir haben nicht nur die klassischen Bestseller hier“, sagt Tine Hartmann,die ebenfalls Eigentümerin bei Ferlemann und Schatzer ist. Sie empfehle momentan zum Beispiel Untertauchen von Lydia Tschukowskaja. Ein weiterer Fokus liege auf dem Kinderbuchsegment. Hier sei Glück ist eine Gleichung mit 7 von Holly Goldberg Sloan eine aktuelle Empfehlung. „Gerade beim Kinderbuch ist es wichtig, dass man nicht alles bestellt, sondern kritisch aussortiert.“ Man dürfe im Sortiment ohnehin niemals beliebig sein.
Bücher auspacken, Verlagsgespräche führen, Bücher kennen, um sie Kunden auch guten Gewissens empfehlen zu können - das ist bestenfalls die Spitze des Eisbergs. Die typischen administrativen Arbeiten, die im Einzelhandel generell anfallen (Kassensturz, Rechnungswesen etc.) seien nur am Rande genannt. Ein weiterer Punkt ist die Außendarstellung: Das Schaufenster muss in regelmäßigen Abständen neu gestaltet werden. Oft erfolgt dies anlassbezogen - Ostern, Weihnachten, die Buchmessen oder Buchpreise. Außerdem sind Marketing-Aktionen wichtig. „Manchmal machen wir temporäre Büchertische, wenn Lesungen an Orten stattfinden, wo es sonst kein Buchangebot gibt“, sagt Hartmann. Einmal im Jahr veranstaltet die Buchhandlung eine Lesung in einem Kino, der Kinosaal wird dann zur Lesebühne. Zwischendurch gibt es auch immer wieder Lesungen im Laden. Zweimal waren bereits Buchpreisträger dabei, namentlich Jan Wagner und Frank Witzel. Schatzer und Hartmann hatten sie gebucht, bevor die jeweilige Jury-Entscheidung gefallen war. „Lesungen und Veranstaltungen sind schön, aber für uns auch sehr aufwändig.“ Am Anfang steht die Auswahl der Lesenden, dann kommen die Verträge, zudem muss die Veranstaltung beworben werden. „Es kommt aber auch viel zurück von den Kunden“, sagen Hartmann und Schatzer. „Wenn wir den Jahrestag unserer Eröffnung feiern, bekommen wir jedes Mal Blumen. Das ist nicht selbstverständlich.“

AUDIAMO - die Zuhörer


Ein weiterer Blick hinter die Kulissen gewährt die Buchhandlung AUDIAMO (Florastraße 64, Berlin-Pankow). Eigentlich müsste man hier sagen: nicht Buchhandlung, sondern Hörbuchhandlung, denn auf 50 Quadratmetern finden sich ausschließlich CDs - es sind 5.000 an der Zahl. CDs mit gesprochene Büchern: „Meist sind es Lesungen mit einem Sprecher, aber wir haben auch überdurchschnittlich viele Hörspiele mit verteilten Rollen hier“, sagt Günter Rubik.


Er ist Gründer und Inhaber von AUDIAMO. Üblicherweise betrage der Anteil von Hörspielen im Hörbuchsortiment unter 10 Prozent. Bei AUDIAMO seien es eher 30 Prozent. „Das Hörbuch an sich ist ja schon eine Nische, und das Hörspiel ist im Vergleich zur Lesung noch einmal eine Nische. Es ist uns aber ein Herzensprojekt, dem Hörspiel mehr Raum zu geben.“

Grundsätzlich unterscheidet sich die Arbeit in einem Hörbauchladen nur wenig von der in einem klassischen Buchladen. Kundenbestellungen, Kassensturz, Außendarstellung - viele der Aufgaben, die bei Ferlemann und Schatzer anfallen, gibt es auch in einem reinen Hörbuch-Geschäft. Der jeweilige Zeitaufwand und die Schwerpunkte allerdings variieren, zudem gibt es Aufgaben, die der besonderen Struktur im Hörbuchsegment geschuldet sind. „Wir haben wahnsinnig viele kleine Verlage im Hörbuch- und Hörspiel-Bereich. Viele haben keinen richtigen Vertrieb. Die lieferbaren Titel aktuell zu halten und auch die Nachbeschaffung erfordert extrem viel Know-How und Direktkontakte. Letztendlich decken wir oft Aufgaben alleine ab, die normalerweise auf Verlagsvertrieb, Auslieferung und Buchhandel aufgeteilt werden“, so Rubik. Ein Beispiel für die daraus resultierenden Aufgaben: Bei AUDIAMO gebe es einen eigenen gedruckten Hörbuch-Katalog, der zwei Mal pro Jahr herauskommt - die Zeit für die Produktaktualisierung, für das Layout und den Druck dürfe nicht unterschätzt werden, fast alles läuft bei Rubik und seinen Mitstreitern intern. Außerdem gibt es eine Downloadplattform für digitale Hörbücher. Denn: Bedingt durch die oft kleinen Hörbuch-Auflagen sind viele Titel langfristig nur noch als Download verfügbar.
Hinzu kommt: AUDIAMO ist nicht nur ein Vor-Ort-Geschäft und eine Downloadplattform, sondern auch Versandhändler. Die Bestellungen werden von den Läden in Berlin und Wien verschickt. Oft gibt es vorab ein Telefonat der Kunden, die sich Empfehlungen von der Verkaufsmannschaft aus den Läden holen.

Ähnlich wie bei Ferlemann und Schätzer beschäftigen sich auch Rubik und die Kollegen - zwei Literaturwissenschaftler und eine Hörspielmacherin - in ihrer Freizeit mit den Produkten, die sie verkaufen. Aber: „Wir können auch zusätzlich während der Arbeit ein Hörbuch im Laden laufen lassen“, sagt Rubik. „Das ist auch für die Kunden spannend.“ Wie im Buchhandel spielt auch beim Hörbuch das Sortiment eine enorm wichtige Rolle: Wichtig ist, immer wieder besondere Angebote zu identifizieren - ein Beispiel sind russischsprachige Hörbücher, die AUDIAMO erst vor kurzem ins Programm genommen hat. „Wir haben den Anspruch, Spezialisten zu sein. Da müssen wir mehr bieten als nur Bestseller, die es im Hörbuchbereich ohnehin selten gibt. Die wenigen Bestseller bekommt man ja ohnehin überall“, so Rubik. „Wenn wir unsere Kunden beraten, bieten wir oft beides an. Ein Produkt, das eher Mainstream ist, und eine unbekannte Neuentdeckung.“ Zur Kundenberatung zählt bei AUDIAMO häufig auch Aufklärungsarbeit, gerade mit Blick auf das Hörspiel. „Hörspiele sind nur was für Kinder, denken viele.“ Es gebe viele tolle Kinderhörspiele, aktuell zum Beispiel Kommissar Gordon von Ulf Nilsson. Aber es gebe eben auch hervorragende anspruchsvolle Stoffe für Erwachsene. So empfiehlt AUDIAMO aktuell beispielsweise Ein Regenschirm für diesen Tag von Wilhelm Genazino - in einer aufwändigen 3-D-Hörspielfassung.


Letzter Punkt: das Marketing. Was für den Buchhandel die Lesung ist, ist für Rubik die Lesung mit verteilten Rollen - im Sinne eines Live-Hörspiels, das er auf die Bühne bringt. „Der Aufwand ist hier enorm“, sagt er. In einem Fall haben die beteiligten Sprecher, Autoren und die AUDIAMO-Kollegen insgesamt 100 Stunden Arbeitszeit investiert. Für ein Stück, das 45 Minuten dauerte. Das Verfassen des Stücks, die Proben, die Abstimmung mit der Bühnentechnik, die entsprechende Werbung im Vorfeld - das alles gehe bei kleinen Läden nicht ohne Idealismus. Ein Punkt, in den sich Buchläden und Hörbuchläden wohl gleichen.






Text Oliver Wenzlaff
Foto Audiamo - Martina Laser