Hörbuch-Junkies
Hier gibt's was auf die Ohren

Stefan Lindner (Lindenblatt Records)

 

Ich hatte die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit Stefan Lindner von Lindenblatt Records über HumAnemy, Lindenblatt Records und die Gebrüder Thot.

 

 

Lindenblatt Records hat bisher zwei CDs unter dem Namen Gebrüder Thot, „Die Spinne“ und „Das Déjà Vu“ veröffentlicht. Beide Produktionen enthielten eher düstere und nachdenkliche Kurzgeschichten. Nun ist mit HumAnemy das erste Hörspiel, ein Dark Future-Hörspiel in vier Teilen, erschienen.
Wie würdet Ihr genre-fremden HumAnemy und Dark Future näher bringen?

Dark Future und Cyberpunk sind Subgenres des Science Fiction.

Dabei geht es allerdings nicht um Aliens, Raumschiffe und interplanetarische Abenteuer sondern eher um düstere und beängstigende Visionen einer nahen dystopischen Zukunft. Aktuelle technische, politische oder wirtschaftliche Entwicklungen werden aufgegriffen und weiter gesponnen. Kapitalistische Auswüchse, gesellschaftlicher Verfall und Umweltzerstörung werden kritisch beäugt und in einer überzeichneten Weise gespiegelt. Manch einer mag das pessimistisch nennen, ein anderer vielleicht doch eher realistisch.
Dark Future vermischt fortschrittliche Technik mit klassischem Film Noir Flair.

Bei HumAnemy geht es uns nun nicht darum den Hörer mies drauf zu bringen oder Oberlehrerhaft mit dem erhobenen Zeigefinger daher zu kommen. Wir benutzen diese kalte und zeitgleich faszinierende Welt als Plattform, vermischen sie mit modernen Erzählmethoden und inszenieren einen spannenden Thriller mit überraschenden Wendungen, rasanten Actionszenen und auch jeder Menge zynischem Humor.

 

Wie ist die Idee zur HumAnemy entstanden und wer hat die Story geschrieben?

Das Drehbuch habe ich geschrieben.
Die Storyline dazu wurde von meinem langjährigen Freund Johnny Wittermann (im Hörspiel auch in einer Hauptrolle als „Center“ zu hören) und mir in Teamarbeit entwickelt.
Wir sind beide Fans des Genres und haben Werke von Philip K. Dick oder William Gibson verschlungen. Natürlich haben auch diverse Filme, allen voran „Bladerunner“, und Serien ihren Eindruck hinterlassen. Darüber hinaus verbrachten wir in unserer Teenagerzeit viele, viele Stunden mit dem Pen & Paper Rollenspiel „Shadowrun“.

Der Umstand, dass dieses Genre im Hörspielbereich eher unterpräsentiert ist, veranlasste uns dazu, diese Idee anderen vorzuziehen.

Sollten die Hörer Eure anderen Veröffentlichungen kennen, bevor sie HumAnemy hören oder ist der Einstieg auch so möglich?

Wenn du mich persönlich fragst, sollte natürlich JEDER auch unsere Gebrüder Thot Reihe kennen!!!
Aber die dort vertonten Kurzgeschichten sind eine ganz andere Baustelle und haben nichts mit HumAnemy zu tun.

 

Wie war der Umstieg von der eher kleineren Hörbuch-Produktion zu HumAnemy, Euerm ersten Hörspiel mit stattlichen 70 Rollen, die zu besetzen waren?

In der Geschichte „Zum Meister“ unserer zweiten Anthologie „Das Déjà Vu“ hatten wir ja schon mal ein wenig Hörspiel geübt. Dort waren auch immerhin 11 Sprechrollen zu hören. Aber dennoch war das natürlich eine ganz andere Situation. Die Aufnahmen zum Vierteiler HumAnemy zogen sich über Wochen und wir arbeiteten erstmalig mit fremden, teilweise auch sehr bekannten Sprechern zusammen.

 

War Euch schon zu Anfang klar, dass es ein so enormer Sprecher-Cast und eine solch große Anzahl an Rollen geben würde oder hat sich das erst im Laufe der Entwicklung der Geschichte gezeigt?

 

Die Hauptfiguren und auch ein Teil der Nebendarsteller standen bereits von Anfang an fest. Beim ausformulieren des Drehbuchs kamen dann aber noch diverse Nebendarsteller und Statistenrollen dazu.

Hattet Ihr schon bei der Entstehung und dem Schreiben der Story im Hinterkopf, wie die einzelnen Charaktere klingen sollen und vielleicht sogar schon ganz bestimmte Sprecher im Kopf, die Ihr gern für die Rolle haben wolltet?


Beim Großteil der wichtigen Rollen hatten wir tatsächlich schon zu Beginn einen Wunschsprecher im Kopf. Bei anderen suchten wir nach Fertigstellung des Manuskripts gezielt nach einer passenden Stimme und in wieder anderen Fällen wurde der Text sogar nochmal leicht verändert oder erweitert, nachdem wir wussten wer diesen Part übernimmt.

Habt Ihr bewusst auch auf Sprecher mit größerem Bekanntheitsgrad zurück gegriffen oder hat sich das ergeben, weil die Stimmen gut zu den Rollen passten?

 

Wir haben in erster Linie in unserem Bekanntenkreis nach Stimmen gesucht, die gut zu den Figuren passen könnten. Wenn diese Leute zudem eine gewisse Popularität aufweisen, wie beispielsweise der Schauspieler Simon Pearce, dann kam uns das aber auch nicht ungelegen. Der Mann ist übrigens saugut!!!

Bei Tonio von der Meden indes, war es eher reiner Zufall. Wir haben ihn auf einer Theaterbühne in München spielen sehen und danach war uns klar: DEN WOLLEN WIR HABEN!

 

Unter den Sprechern sind auch einige bekannte Namen aus der Musikszene zu finden. Wie habt Ihr sie für Euer Projekt begeistert oder sind sie selbst auf Euch zugekommen, als sie gehört haben, dass Ihr ein Hörspiel produziert?


Nun ja … mein Bruder Thomas ist als Sänger der Band Schandmaul ja selber „ein bekannter Name aus der Musikszene“. Da hat er über all die Jahre natürlich jede Menge Musiker kennengelernt. Dies kommt uns jetzt sowohl in Hinblick auf den Soundtrack, als auch bei der Schauspielersuche zu Gute. Zumal ein Sänger auch kein völliger Laie ist, da er es gewohnt ist mit seiner Stimme vor einem Mikrophon zu agieren und oftmals ja auch auf der Bühne eine Rolle spielt. Im Falle von Holly Loose oder auch Alex Wesselsky kommen auch schon Erfahrungen als Sprecher hinzu.

In den meisten Fällen haben wir angefragt, manchmal wurde auch auf uns zugegangen. Wir werden das auch bei zukünftigen Produktionen beibehalten und noch mit der ein oder anderen Überraschung aufwarten.

Wie war die Zusammenarbeit mit bekannten Sprechern wie Claudia Urbschat-Mingues oder Oliver Mink im Vergleich zu der Arbeit mit Laiensprechern?

 

Claudia und Olli sind ohne Zweifel Meister ihres Fachs. Da wird einem in Sachen Qualität, aber auch Geschwindigkeit ganz schnell der Unterschied zwischen Profi und Semiprofi (oder gar Laien) bewusst.

Darüber hinaus sind die beiden aber auch einfach zwei nette und coole Menschen. Die Zusammenarbeit war super. Wir würden jederzeit wieder mit ihnen arbeiten und gerade mit Herrn Mink haben wir auch schon für die nahe Zukunft etwas ausbaldowert …

 

Sicherlich hattet Ihr eine Menge Spaß im Studio, als die „pikanteren“ Szenen, z.B. die Melonen-Szene von Alex Wesselsky eingesprochen wurde. Gibt es Outtakes, die wir ggf. noch als Bonus zu hören bekommen?

Wir planen bei der vierten Episode von HumAnemy eine Bonus-Disc beizulegen. Hier wird es gewiss auch einige Outtakes und Studio-Mitschnitte zu hören geben. Allerdings haben wir das noch gar nicht alles „gesichtet“. Ich bin selber gespannt, was wir da noch für Schätze haben.

 

Ihr beschreibt die Hauptpersonen sehr genau, den Hauptakteur des ersten Teils, das Chamäleon, jedoch eher weniger. War das Absicht, um das Wandelbare des Charakters zu unterstreichen und mit der Phantasie des Hörers zu spielen?

Das hast du messerscharf erkannt!

 

Sind die folgenden Teile von HumAnemy schon fertig im Kasten oder produziert Ihr noch?

 

Die Sprachaufnahmen sind für alle Teile abgeschlossen. Da werden lediglich noch einige kosmetische Veränderungen und kleine Ergänzungen vorgenommen. So hat uns der gute Falk Puschmann erfreulicherweise noch zugesagt eine kleine Rolle für Episode 4 einzusprechen.
Episode 3 befindet sich jetzt im finalen Schnitt. Auch der Soundtrack ist schon weit fortgeschritten. Anschließend folgen noch das Mastering und die optische Gestaltung. 

 

Die Musik zu HumAnemy stammt von Thomas und der Band VorTeX. Wurde sie speziell für das Hörspiel komponiert oder lag sie schon fertig in der Schublade?

 

Der Löwenanteil der Stücke stammt von der Industrial Band VorTeX. Ihre elektronischen Klänge passen meiner Meinung nach perfekt zur oftmals kalten Atmosphäre des Hörspiels. Die Lieder wurden eigens für HumAnemy komponiert oder passend zu den Szenen umarrangiert.

Thomas schrieb die Titelmelodie und hat auch noch ein paar andere Tracks beigesteuert oder neu interpretiert. Hier entstand alles eigens für die Serie.

Der dritte komponierende Block ist unsere „Schweizer Fraktion“. Kevin Flum, Sam & Jürgen Köhler haben ebenfalls Songs beigetragen. Insbesondere das letzte Lied von Episode 2 finde ich fantastisch. Hierfür konnten wir noch Benni Cellini von der Letzten Instanz als Gastmusiker gewinnen. Ganz großes Kino! Auch in den folgenden Teilen werden sie noch mit starken Nummern vertreten sein.

Zu guter Letzt benutzen wir zum Beispiel in Kneipenszenen noch die Lieder von befreundeten Bands. Im Falle der aktuellen Folge sind dies die „Grave Stompers“ und „Van Drunen“. Da bin ich schon auch ein bisschen stolz drauf, weil beide Stücke in dieser Form nicht als regulärer Album-Track erhältlich sind. Feine Sache!


Erzählt uns ein bisschen vom zweiten Teil von HumAnemy!

 

 „Der Fahrer“ schließt direkt an „Das Chamäleon“ an. Das Team hat sich zusammen gefunden und beginnt mit den Recherchearbeiten zum Auftrag.

In Teil 2 wechselt die Erzählperspektive: Nicht Lennart sondern Maurice, der Fahrer steht im Mittelpunkt des Geschehens.
Die Geschichte verläuft etwas gerader und „aufgeräumter“, der Sprecher-Cast ist deutlich kleiner. Technische Errungenschaften, eine wilde Verfolgungsjagd und ein gewisses futuristisches, urbanes Feeling stehen im Vordergrund.
Ich empfinde Episode 2 als ziemlich cool!
Patrick Borlé hat als Hauptakteur eine Hammer-Performance abgeliefert und außerdem war es uns eine große Freude mit Marc Schülert zusammen zu arbeiten. Der „Computer“ ist unglaublich lässig geworden. Jederzeit gerne wieder!


Wisst Ihr schon, was nach HumAnemy folgen wird?

Pläne und Geschichten haben wir viele. Aber wie so oft hängt das „Wie“ und das „Wann“ auch ein wenig vom finanziellen Erfolg unserer Hörspiele ab. Sie müssen sich auf jeden Fall refinanzieren.

Außerdem sind bei HumAnemy wahnsinnig viele Leute beteiligt, die da teilweise wahnsinnig viel Arbeit rein gesteckt haben. Da wäre es für zukünftige Produktionen schon sehr hilfreich, wenn man denen auch mal mehr als 3 Pflaumen und einen warmen Händedruck als Belohnung überreichen könnte.
Die aktuellen Planungen beziehen sich aber auf den dritten Teil der Gebrüder Thot Reihe und einen weiteren Vierteiler aus dem HumAnemy Universum.

Was danach folgt, müssen wir erst mal abwarten. Wie gesagt, Ideen gibt es genug. Wem unsere Hörspiele also gefallen, der sollte sie kaufen und anderen Menschen weiter empfehlen. Dann gibt es auch neuen Stoff für die Ohren.

Wir haben Bock!!!




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AM für HBJ
Quelle Bilder Lindenblatt Records