Hörbuch-Junkies
Hier gibt's was auf die Ohren

Das Hörbuch nicht verstauben lassen

 
Das Hörbuch fristet ein Nischendasein: Oft ist es nur Beiwerk in den Buchläden, es hat wenig Fläche, es wird nicht sonderlich angepriesen. Aber es geht auch anders. Ein Beispiel: Audiamo. Dort hat man den Spieß einfach umgedreht - das Buch ist dort die Nische. Das Hörbuch hingegen ist alles.
 
Audiamo hat rund 100 Quadratmeter Verkaufsfläche in Wien und noch einmal etwa 50 Quadratmeter in Berlin. Und in beiden Filialen gibt es fast ausschließlich Hörbücher. Bis zu 15.000 CDs mit Lesungen und Hörspielen stehen vor Ort in den Regalen, im Lager noch einmal deutlich mehr. Die wenigen gedruckten Bücher sind solche, die irgendwo in ihrer Mitte oder im Cover letztendlich auch wieder eine CD zum Hören mitbringen. Im gesamten deutschsprachigen Raum gibt es nur etwa fünf bis sieben solcher reinen Hörbuchläden, je nach Abgrenzung.
 
Ein Vorteil von Audiamo: Das Personal in Wien und Berlin hat unterschiedliche Schwerpunkte. Ein Beispiel sind "Die drei Fragezeichen“, eine Hörspiel-Kultserie um drei jugendliche Detektive. „Bei Audiamo in Wien sitzt Judith Neichl, die absolute Spezialistin, sie kennt jede Folge. Ich bin aber Berliner. Also geht die Frage, ob die neue CD gut ist, von den Berliner Angestellten per WhatsApp nach Wien, auf dem kurzen Dienstweg, und während ich auf die Antwort warte, gucke ich mir in Ruhe die anderen Neuheiten an“, sagt Oliver Wenzlaff. Er ist ein Hybrid aus Kunde und Lieferant - er kauft Hörbücher und Hörspiele bei Audiamo, zugleich ist er Autor, und seine Stoffe finden sich auf CD in den Audiamo-Regalen. Viele Kunden aus Berlin vertrauten auf die „Drei Fragezeichen"-Kompetenz aus Wien. Grenzenloses Vertrauen sozusagen. À propos keine Grenzen: Fremdsprachige Hörstücke finden sich bei Audiamo natürlich auch, zum Beispiel BBC-Hörspielserien.
 
In der Berliner Filiale wiederum gibt es manchen Spezialisten für vertonte Pop- und E-Literatur. Ansprechpartnerin ist hier unter anderem Julia Scholz: Sie ist studierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Scholz empfiehlt zum Beispiel die Autoren-Lesung von „Herr Lehmann“ oder auch „Ein Regenschirm für diesen Tag“ von Wilhelm Genazino, umgesetzt als aufwändiges 3D-Kunstkopfstereophonie-Hörspiel - das klingt, als wäre man mittendrin. So unterschiedlich die Hintergründe der Mitarbeiter, so sehr eint sie die Liebe zum gesprochenen Wort: Sowohl in Wien als auch in Berlin laufen den ganzen Tag Hörstücke im Hintergrund - Inspiration statt Stille. 
 
  
Live-Hörspiel in Wien: Sleepy Hollow mit Judith Neichl (Fotos Günter Rubik)
 
Und: Die Liebe zum Hörbuch endet nicht an der Ladentür. Audiamo bringt immer wieder Hörspiele live auf die Bühne. In Wien sind es meistens Projekte von besagter Judith Neichl, sie hat ein kleines Ensemble zusammengestellt, auf das sie immer wieder zurückgreift. Sie adaptiert Stoffe wie Sherlock Holmes oder Sleepy Hollow - unterstützt von der Autorin Sandra Wittmann -, dann studiert sie die Stoffe gemeinsam mit dem Ensemble ein. Etwa alle zwei Monate präsentiert sie so ein neues Live-Hörspiel an unterschiedlichen Orten. Audiamo sponsert und vermarktet die Auftritte. „Nach der Premiere werden die Stücke dann dort angeboten, wo wir das Thema Hörbuch und Hörspiel gerne noch häufiger sehen würden, also bei Kulturfestivals und Bibliotheken“, sagt Günter Rubik. Er ist der Inhaber von Audiamo. Auch in Berlin hat er schon ein Live-Hörspiel auf die Bühne gebracht: gemeinsam mit Autorenkunde Oliver Wenzlaff, der dafür eine 100 Jahre alte Geschichte umgeschrieben hat. Eine Text- und Rechenaufgabe gleichermaßen: „Das Datum der Aufführung stand fest, vorher musste Zeit sein für die Proben, und so hat sich dann der Tag bestimmt, an dem ich den Text fertig haben musste“, sagt Wenzlaff.



Live-Hörspiel in Berlin: Manfred Eisner, Gundi Eberhard und Claudia Jakobshagen. Am Piano wurden sie begleitet von Vera Claus (Foto Günter Rubik)


„Wir sehen uns ja auch ein wenig als Missionare. Wir wollen noch mehr Menschen zum Hörbuch bekehren, und Live-Events eignen sich da ganz gut“, sagt Rubik. Da springe ein ganz besonderes Gefühl über, und die Leute fragten einen hinterher, ob sie die Stimme da auf der Bühne nicht von irgendwoher kannten. „Ich zähle dann die Synchronrollen auf, und die Leute freuen sich, dass sie einer bekannten Stimme ein neues Gesicht zuordnen können“, sagt Rubik. Sprecher beim Audiobook „Das Bildnis des Dorian Gray“, Synchronstimme von Charlotte York aus der TV-Serie „Sex and the City“, Sprecherin im oben genannten „Ein Regenschirm für diesen Tag“ - Antworten auf die Frage, woher man die Stimmen kannte, die beim Live-Hörspiel in Berlin zu hören waren.
 
Nicht nur in Berlin und Wien, auch in Leipzig missioniert Rubik die Menschen: Jahr für Jahr auf der Buchmesse. Als Vorstand der Hörspielgemeinschaft e.V., ein gemeinnütziger Verein, der sich für akustische Literatur im Allgemeinen einsetzt, organisiert er dort ein Forum, auf dem sich große und kleine Labels präsentieren können - gerahmt von einem Bühnenprogramm, das erneut Live-Hörspiele, aber auch Lesungen und Diskussionen bietet. Damit nicht genug: Audiamo hat auch schon Hörspiele ins Kino gebracht. Der traditionsreiche Berliner Zoo Palast wurde hier als Veranstaltungsort ausgewählt. Hörspiele gelten als Kino für die Ohren. In diesem Fall buchstäblich.



 
Erst lange nur in Wien, jetzt auch in Berlin... Audiamo eröffnete in der Hauptstadt im Mai 2015. Mittendrin: Günter Rubik (links), Julia Scholz, Oliver Wenzlaff (Foto Martina Laser)
 
Einfach ist das Leben als Missionar aber nicht: „Kinder für Hörspiele oder eine Lesung zu begeistern, das ist noch vergleichsweise leicht. Bei Erwachsenen ist das schwieriger.“ In Deutschland gebe es mehr Menschen, die 20 Bücher pro Jahr kaufen, als Menschen, die nur ein einziges Hörbuch erwerben. Beide Zahlen fassen physische und digitale Angebote zusammen, also das gedruckte Buch plus E-Book einerseits sowie das Hörbuch auf CD, Schallplatte und Kassette plus Download-Variante andererseits. „Erfolge sehen wir noch am häufigsten bei denen, die schon als Kinder Hörspiele gehört haben. Trotzdem gibt es immer wieder Vorbehalte und Ablehnung.“
 
Dass Rubik sich nicht entmutigen lässt, liegt unter anderem an seiner Leidenschaft für Stimmen. „Ein gut ausgebildeter Sprecher mit einem schönen Klang ist ein tolles Erlebnis. Auch weil er vielleicht Dinge anders liest, als man sie selbst lesen würde. Wo setzt er welche Emotionen ein? Wo betont er besonders? Wo wird er sinnlich? Es ist keine Seltenheit, dass man Gänsehaut beim Hören bekommt.“ Sein Fazit: Es mache einfach wahnsinnig viel Freude, gute Hörbücher unter die Menschen zu bringen. Und weil die Menschen nun einmal nicht alle in die Läden kommen können, müssten die Hörstoffe eben zu den Menschen gebracht werden. Stichwort Bühne, Kino und Buchmesse.



AS für HBJ
Fotos Günter Rubik und Martina Laser